Roche sorgt derzeit gleich an mehreren Fronten für Gesprächsstoff. Der Basler Pharmakonzern legt für einen neuen Krebs-Wirkstoff viel Geld auf den Tisch und präsentierte auf einet Diabetes-Konferenz aktuelle Daten zu seinem Abnehmprogramm. Der Tenor fällt dabei gemischt aus: Der Zukauf wirkt strategisch klug, die Reaktionen auf die Studien zum Gewichtsverlust sind verhalten.
Im Zentrum der jüngsten Nachricht steht eine Kooperation mit dem US-Unternehmen Nurix Therapeutics. Roche zahlt zunächst 700 Millionen Dollar und stellt weitere erfolgsabhängige Zahlungen in Aussicht. Der potenzielle Gesamtwert des Deals liegt laut Roche bei bis zu 2,3 Milliarden Dollar.Im Gegenzug erhält der Schweizer Konzern Zugang zu Bexobrutideg, einem Wirkstoff, der zunächst bei Blutkrebs eingesetzt werden soll. Zudem soll geprüft werden, ob der Wirkstoff bei Erkrankungen des Immunsystems, etwa Multipler Sklerose, und des Nervensystems einen therapeutischen Nutzen bringt. Der Deal soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden.
Vereinfacht gesagt, soll Bexobrutideg nicht nur ein krank machendes Eiweiß bremsen, sondern es gezielt abbauen lassen. Es geht um das Protein BTK, das bei bestimmten Krebs- und Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Bisherige Medikamente blockieren BTK meist nur. Der neue Ansatz könnte vielversprechend sein, da der Wirkstoff das Protein vollständig aus der Zelle entfernt und so möglichen Resistenzen vorbeugt. Dieses Problem tritt bei herkömmlichen Therapien öfter auf.
Analysten von Truist Securities bezeichneten die Partnerschaft als „sinnvoll" und hoben insbesondere das mögliche Sicherheitsprofil von Bexobrutideg positiv hervor. Nurix helfe der Deal zudem, das Entwicklungsrisiko zu begrenzen. Die Entwicklungskosten teilen sich die beiden Firmen auf, allerdings trägt Roche 60 Prozent der Kosten. Die Nurix-Aktie (WKN A2P85Z) legte zu Wochenstart zunächst zweistellig zu.
Der Markt, den Roche adressiert, ist groß. BTK-Medikamente zählen zu den wichtigsten Wirkstoffklassen bei bestimmten Formen von Blutkrebs, wie Non-Hodgkin-Lymphomen und chronisch lymphatischer Leukämie (CLL). Roche verweist darauf, dass dieser kombinierte Markt bis 2031 ein Volumen von 41 Milliarden Dollar erreichen könnte. BTK-Hemmer sollen davon rund 19 Milliarden Dollar ausmachen. Im Bereich CLL wird ein Plus von zwölf Milliarden Dollar im Jahr 2024 auf 16 Milliarden Dollar bis 2035 erwartet.
Auch aus Sicht der Strategie passt die Kooperation gut ins Bild: Roche baut seine Kompetenz bei sogenannten Protein-Abbauern gezielt aus. Erst im April hatte der Konzern eine bestehende Partnerschaft mit dem Unternehmen C4 Therapeutics ausgeweitet. Dabei geht es ebenfalls um Wirkstoffe, die körpereigene Proteine, die in Zusammenhang etwa mit Krebserkrankungen stehen, gezielt abbauen.
Roche ist im Bereich Blutkrebs-Therapien zwar gut aufgestellt, hatte beim BTK-Thema aber bislang keine eigene Lösung. Genau diese Lücke soll Bexobrutideg schließen. Geplant ist eine Phase-III-Studie bei der chronisch lymphatischen Leukämie noch in diesem Sommer. Sollte alles gut laufen, könnte das Mittel um 2030 auf den Markt kommen.
Anders sieht das Bild beim Abnehmprogramm der Schweizer aus. Auf der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA)stellte der Konzern neue Daten zu Enicepatid vor, intern auch CT-388 genannt. Das Mittel gehört zu den Hoffnungsträgern im heiß umkämpften Markt für Adipositas- und Diabetes-Medikamente. Um hier Fuß zu fassen, hatte Roche bereits 2023 die Firma Carmot Therapeutics übernommen.
Die Zahlen klingen zunächst ordentlich: In der höchsten Dosierung sank das Gewicht der Studienteilnehmer im Vergleich zum Placebo um 18 bis 22,5 Prozent. Das liegt zwar etwas über den jüngsten Daten von Zepbound aus dem Hause Eli Lilly. Doch Analysten sehen noch keinen klaren Vorsprung. Jefferies sprach von einem Kandidaten, der sich kaum Unterscheide von den Wirkstoffen der Konkurrenz. RBC urteilte ähnlich und sieht Enicepatid eher als späten Nachzügler und nicht als klaren Gewinner.
Auch beim Nebenwirkungsprofil bleiben Fragen offen. Das ist aber in diesem Markt wichtig, weil sich die Anbieter nicht nur bei der Wirksamkeit, sondern auch bei der Verträglichkeit messen lassen müssen. Jefferies beließ Roche deshalb bei „Underperform" und einem Kursziel von 230 Franken.
Fazit
Der Nurix-Deal zeigt, dass Roche das Onkologie-Portfolio gezielt ausbaut. Ob sich die Investition auszahlt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Bexobrutideg ist vielversprechend, steckt aber noch in einer frühen Entwicklungsphase. Im Abnehm- und Diabetesgeschäft gibt es unterdessen viele Fragezeichen und wenig Antworten. Anleger sollten die weiteren Studienergebnisse abwarten.
Enthält Material von dpa-AFX