Nach Abschluss der Offerte hat sich die Mailänder Bank eine Hauptversammlungs-Mehrheit gesichert - und damit faktisch die Kontrolle über die Commerzbank. Fragen bleiben dennoch offen. Auch die Commerzbank-Chefin äußert sich: "Ich agiere weiter unabhängig".

Die Mailänder Großbank Unicredit hat mit Abschluss ihrer Tauschofferte ihre Beteiligung an der Commerzbank deutlich aufgestockt. Laut Mitteilung haben Anteilseigner Unicredit bis zum vergangenen Freitag 17,60 Prozent der Commerzbank-Anteile angedient. Einschließlich der eigenen Anteile von 26,77 Prozent kommen die Italiener damit auf eine Beteiligung von 44,37 Prozent.

Einschließlich Finanzinstrumenten in Höhe von 3,22 Prozent kontrolliert Unicredit damit 47,59 Prozent. Abzüglich der nicht stimmberechtigten Eigenanteile der Commerzbank sind das bereits 49,65 Prozent der Stimmrechte. Damit verfügt die Mailänder Bank de facto über eine Hauptversammlungsmehrheit und hat sich damit nach gängiger Definition die Kontrolle über die Commerzbank gesichert.

„Unicredit hat nun den Matchball“, erläutert Federated-Hermes-Bankenexperte Filippo Alloatti. „Die Italiener haben sich in eine aussichtsreiche Position gebracht, müssen jedoch noch einige entscheidende Punkte gewinnen, bevor die Transaktion endgültig als abgeschlossen gelten kann.“

Dazu zählen vor allem die Anmelde- und Prüfverfahren der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Kartellprüfer der EU-Kommission, die rund sechs Monate in Anspruch nehmen dürften. Mit einem Abschluss der Übernahme wird nun bis zum Frühjahr 2027 gerechnet.

Unicredit-Chef Andrea Orcel hatte bereits angekündigt, dass Unicredit auf der nächsten Hauptversammlung die Kapitalseite im Aufsichtsrat mit eigenen Vertretern besetzen wolle. Dies würde es den Italienern auch ermöglichen, Veränderungen im Vorstand durchzusetzen und Einfluss auf die Konzern- und Dividendenpolitik zu nehmen.

Kommt eine einvernehmliche Lösung?

Die Kernfrage lautet nun, ob die Kontrahenten in dem seit Herbst 2024 geführten, erbitterten Übernahmekampf noch zu einer einvernehmlichen Lösung finden können, von der eigentlich alle Seiten profitieren. „Meiner Einschätzung nach ist das weiterhin möglich“, erklärte Banken­experte Alloatti in einem Interview mit €uro am Sonntag. „Ein Kompromiss wäre eine rationale Entscheidung beider Seiten und würde diese Übernahme-Auseinandersetzung auch zu einem konstruktiven Abschluss führen.“

Die Commerzbank bezweifelt die von Unicredit genannten Zahlen. Es sei „nicht transparent, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient und welche Absicherungsvereinbarungen getroffen wurden“.  In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagt Orlopp außerdem, Unicredit sei von einer qualifizierten Hauptversammlungsmehrheit von 75 Prozent weiterhin entfernt. Die Commerzbank wolle weiter konstruktiv mit Unicredit sprechen, sehe aber eine schwierige Lage, weil der italienische Großaktionär zugleich Wettbewerber sei. „Das bringt Unruhe mit sich.“

Für das tägliche Geschäft ändere sich zunächst aber nichts, die Bank teile Informationen mit Unicredit wie mit anderen Investoren auch, solange es nicht um vertrauliche Themen gehe. Orlopp machte zugleich deutlich, dass Unicredit für eine vollständige Integration mehr brauche als Kontrolle, nämlich strukturelle Maßnahmen, qualifizierte Mehrheiten und die Unterstützung von Management, Aufsichtsrat, Arbeitnehmervertretern und dem Bund als zweitgrößtem Aktionär. „Solange es keinen Beherrschungsvertrag, keine Verschmelzung, keinen Squeeze-out gibt, muss ich unabhängig agieren“, sagte Orlopp.

Fazit

Das Endspiel um die Commerzbank geht in die finale Phase. Unicredit-Chef Andrea Orcel sitzt bei der Übernahme am längeren Hebel. Auch der Bund mit seinem Zwölf-Prozent-Paket an der Commerzbank wird Orcel nicht mehr stoppen können. Da alle Seiten von einem Kompromiss profitieren, ist bei einer einvernehmlichen Lösung auch eine etwas höhere Übernahmeprämie nicht ausgeschlossen. „Das ist das Basisszenario“, sagen Experten. Allerdings sei auch ein weiteres Verkeilen der Kontrahenten nicht auszuschließen. Das langfristige Ziel von Unicredit jedenfalls ist die Verschmelzung der Commerzbank mit der deutschen Unicredit-Tochter Hypovereinsbank. Diese Strategie umfasst schließlich auch ein Delisting der Commerzbank.

Commerzbank (WKN: CBK100)

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.