Unicredit-Chef Orcel und Commerzbank-Chefin Orlopp haben im Übernahmekampf konträre Ziele verfolgt, aber beide gute Arbeit geleistet, sagt Bankenexperte Filippo Alloatti vom Vermögensverwalter Federated Hermes. Im Interview mit Euro am Sonntag erläutert Alloatti, wie es jetzt weitergehen könnte.

Euro am Sonntag: Unicredit hat mit ihrer Tauschofferte eine Annahmequote von 12,51 Prozent erzielt. Zusammen mit ihrem Aktienanteil von 26,77 Prozent kommen die Italiener jetzt auf eine Beteiligungsquote von 39,28 Prozent. Wie könnte es im Übernahmekampf jetzt weitergehen?

Filippo Alloatti: Die Übernahmebestrebungen der UniCredit schreiten voran. Die Mailänder Bank darf nun Commerzbank-Aktien ohne Auflagen am freien Markt erwerben. Hinzu kommt ein mechanischer Effekt: Das laufende Aktienrückkaufprogramm der Commerzbank reduziert die Zahl der ausstehenden Aktien. Dadurch steigt der prozentuale Anteil der UniCredit am Grundkapital automatisch.


Wie wahrscheinlich ist es, dass Unicredit jetzt noch eine weitere Offerte mit einer höheren Übernahmeprämie vorlegt?

Hierfür besteht derzeit kein Anlass. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Kompromiss mit der Commerzbank kommt. In diesem Fall könnte die UniCredit ein neues Angebot mit einer höheren Übernahmeprämie vorlegen. Ein solcher Schritt wäre jedoch erst nach einer gewissen Periode zu erwarten.


Ab welcher Beteiligungsquote könnte die EZB-Bankenaufsicht aus Ihrer Sicht eine Vollkonsolidierung der Commerzbank fordern?

Theoretisch liegt die Schwelle bei 40 Prozent. Die EZB kann jedoch flexibel agieren und der UniCredit eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Diese würde der italienischen Bank einige Quartale Zeit verschaffen, bevor die vollständige Konsolidierung der Commerzbank erforderlich wird.


Welche Auswirkungen hätte das auf Unicredit, insbesondere auf die Eigenkapitalquote?

Nach Berechnungen der UniCredit von Anfang des Jahres würde eine Vollkonsolidierung der Commerzbank die Kernkapitalquote (CET1-Ratio) um etwa 280 Basispunkte belasten. Das entspricht einem erheblichen Kapitalbedarf, der die Bilanz der Mailänder Bank schon belasten würde.


Könnte Unicredit einen Weg finden, diese Folgen abzuwenden?

Kurzfristig bestehen gewisse Handlungsspielräume. UniCredit könnte ihre Liquiditätsquote reduzieren und den Anteil an der Commerzbank knapp unter der 40-Prozent-Schwelle halten. Diese Strategie würde die Konsolidierungspflicht vorübergehend aufschieben. Langfristig ist die vollständige Konsolidierung jedoch praktisch unvermeidbar.


Könnte sich Unicredit dauerhaft mit einer Beteiligung von unter 50 Prozent an der Commerzbank zufriedengeben? Welches Ziel strebt Unicredit dauerhaft an?

Das langfristige Ziel der UniCredit ist die Verschmelzung der Commerzbank mit der HypoVereinsbank. Auf diese Weise ließe sich unter anderem das überschüssige Kapital der HypoVereinsbank freisetzen, das derzeit gebunden ist. Diese Strategie umfasst auch ein Delisting der Commerzbank.


Halten Sie es für möglich, dass die Commerzbank-Führung bei einer „angemessenen“ Übernahmeprämie einlenkt und eine einvernehmliche Übernahme möglich wird?

Meiner Einschätzung nach ist das weiterhin möglich. Ein Kompromiss wäre eine rationale Entscheidung beider Seiten und würde diese Übernahmeauseinandersetzung zu einem konstruktiven Abschluss führen.


Wie könnte sich die Bundesregierung als weiterer Großaktionär, der die Übernahme bislang ablehnt, dabei positionieren?

Die Einflussmöglichkeiten der Bundesregierung sind begrenzt. Sie hält in dieser Auseinandersetzung bildlich gesprochen eine Wasserpistole in der Hand.


Wie beurteilen Sie die Arbeit von Unicredit-Chef Andrea Orcel und von Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp in diesem Übernahmekampf?

Die Teams beider Vorstandsvorsitzenden haben bisher gute Arbeit geleistet. Das ist von Führungskräften auf diesem Niveau aber auch zu erwarten. Beide Seiten verfolgen nachvollziehbare, aber gegensätzliche Ziele: Bettina Orlopp will den bestmöglichen Preis für die Commerzbank erzielen. Andrea Orcel ist bestrebt, das Kapital der UniCredit-Aktionäre verantwortungsvoll einzusetzen und die Übernahme erfolgreich zu vollziehen.


Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Commerzbank eine Übernahme durch Unicredit noch abwenden kann?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Die Übernahme ist im Grunde bereits abgeschlossen.



Commerzbank (WKN: CBK100)

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.