Die globalen Märkte atmen auf: Die Ankündigung einer zweiwöchigen Waffenruhe im Iran und die geplante Wiederöffnung der Straße von Hormuz hat  eine Erleichterungsrally an den Börsen ausgelöst.

Vor allem Titel aus den Bereichen Rohstoffe, Tourismus, Banken, Immobilien und Konsum sind gesucht. Kriegsverlierer wie TUI, Lufthansa und Siemens Energy legen kräftig zu. Doch Anleger sollten weiter auf der Hut bleiben, rät Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank Liechtenstein im Interview mit Euro am Sonntag.

Euro am Sonntag: Was bedeutet der Waffenstillstand für den Ölpreis?

Thomas Gitzel: An den Ölmärkten ist Durchatmen angesagt. Mit dem Waffenstillstand und den beginnenden Verhandlungen wächst die Hoffnung auf eine Beilegung des Konflikts. Damit preist man am Ölmarkt ein Risikoszenario, also eine längere Schließung der Straße von Hormus, aus. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass die Ölpreise rasch auf Niveaus vor Ausbruch des Krieges fallen werden. Zum einen ist unklar, wie die Verhandlungen verlaufen werden, zum anderen herrscht Schiffsrückstau in der Straße von Hormus. Gleichzeitig sollte auch berücksichtigt werden, dass es Ölinfrastruktur zerstört wurde.

Kann der erwartete Inflationsanstieg noch verhindert werden, und wie könnten jetzt die Notenbanken auf bereits gestiegene Preise reagieren?

Käme es zu einer nachhaltigen Beilegung des Konflikts wäre der Inflationsanstieg eine kurze Episode und die Notenbanken könnten von bereits befürchteten Zinshebungen absehen. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass die Notenbank sich mit ihrem Zinsniveau in einer komfortablen Situation befinden. Wir unterhalten uns nicht mehr über Null- oder Negativzinsen. Die Geldpolitik ist nicht mehr im Modus einer ultra-expansiven Geldpolitik.

Könnte die Waffenruhe in Verbindung mit wieder aufkommenden Konjunkturhoffnungen und Zinssenkungserwartungen eine nachhaltige Rally am Aktienmarkt auslösen?

Vom Wort Rally würde ich Abstand nehmen. Die Rückschläge an den Aktienmärkten fielen in Anbetracht der Schwere des Konflikts ohnehin relativ moderat aus. Käme es zu einer Beilegung des Konflikts könnte man sich an den Finanzmärkten wieder um die fundamentale Bewertung kümmern, also zurück zum Normal kehren. Die Weltwirtschaft war vor Ausbruch des Krieges nicht gerade auf Rosen gebettet. Die chinesische Wirtschaft ist angeschlagen. In Europa bleiben die Konjunkturerwartungen ohnehin gedämpft und in den USA sind Schwächen am Arbeitsmarkt erkennbar. In solch einem Umfeld und nach den vergangenen guten Aktienjahren war ohnehin nicht von einer neuerlichen Rallye auszugehen.

Wie sollten sich Anleger jetzt positionieren?

Anleger sollte sich weiterhin gut diversifiziert aufstellen. Noch ist unklar, ob der Konflikt tatsächlich nachhaltig beigelegt wird. Und vom Iran-Konflikt einmal abgesehen, bleibt weiterhin Zollkonflikte ein Thema. Anleger sollten also schauen, dass neben Aktien, Anleihen und Gold auch Platz im Portfolio finden.

Welche Aktien können von dem Waffenstillstand profitieren – kurzfristig, längerfristig?

Konzentriert sich der Markt wieder auf die Themen, die vor dem Ausbruch des Krieges im Raum standen, dürften unter anderem europäische Small- und Mid-Caps wieder ins Auge gefasst werden. Dies vor allem vor dem Hintergrund des Infrastrukturprogramms der deutschen Bundesregierung. Aber auch der chinesische Aktienmarkt könnte in den Fokus kommen. Aber nochmals, bislang ist es sicherlich verfrüht grünes Licht zu geben.

Von welchen Titeln sollte man jetzt die Finger lassen?

Ölaktien haben vom Konflikt profitiert. Kommt es zu einer Belegung der kriegerischen Auseinandersetzung, könnten hier Rückschläge zu erwarten sein.


TUI (WKN: TUAG50)